Unterleuten

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Unterleuten ist ein kleines, verschlafenes Dorf in Ostdeutschland. Die größte Attraktion der Gegend ist noch ein Vogelschutzgebiet für die seltenen Kampfläufer – ansonsten scheint hier nicht viel los zu sein.

Doch wer ein wenig genauer hinsieht, der erkennt, wie es in diesem Dorf brodelt. Alte Feindschaften, die seit einem halben Jahrhundert gepflegt werden, brechen wieder auf. Ein Verbrechen, das vor zwanzig Jahren begangen wurde, hängt mehr oder weniger unausgesprochen über allem. Alle Dorfbewohner trachten zunächst einmal nach ihrem eigenen Vorteil – und fühlen sich dabei durchaus im Recht. Das ist überhaupt das Spannende an dieser Erzählung: Sie wechselt von Kapitel zu Kapitel die Perspektive, so dass man Einblick in die Gedankenwelt ganz verschiedener Menschen erhält, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der alte Patriarch des Dorfes, der eigentlich nur das Beste für sein Dorf will – und für den ehemaligen Besitz seiner Familie, die zu DDR-Zeiten enteignet wurde, weshalb ihm unterstellt wird, er sei nur auf seinen eigenen Vorteil aus. Sein Widersacher, der im Alter schon ein wenig schrullig geworden ist, aber noch gut im Spinnen von Intrigen ist. Der Bürgermeister, der es allen recht machen will. Die junge Powerfrau von außerhalb, die ein Gestüt aufbauen möchte. Und noch viele weitere. Jeder und jede dieser Personen wird überzeugend dargestellt, mit den eigenen Interessen, Gedanken, den eigenen Überlegungen zu dem, was die anderen sagen und tun.

Immer deutlicher wird, wie die Protagonisten ständig aneinander vorbei leben und reden. Was der eine gut gemeint hat, kommt bei anderen als bösartiges Taktikmanöver an. Als dann auch noch zehn Windräder auf Gemeindegrund gebaut werden sollen, bricht geradezu ein Krieg aus unter den Dorfbewohnern. Man steht dabei und sieht ungläubig zu, wie die Dorfbewohner sich konsequent gegenseitig in den Abgrund reißen. Wie Freundschaften wegen Nichtigkeiten zerbrechen, wie Schlägereien entstehen wegen Missverständnissen und falschen Verdächtigungen.

Man kommt sich ein wenig vor wie ein Gaffer am Unfallort. Oder besser noch: Kurz vor dem Unfall, der unweigerlich kommen muss, und gegen den man aber selbst nichts tun kann. Es ist beängstigend, spannend, düster und auch traurig. Am Ende wird das Dorf Unterleuten nicht mehr das sein, das es einmal war. Ein letztes Mal hat sich die alte Generation aufgebäumt. Hat ihre Muskeln spielen lassen. Hat versucht, die Angelegenheiten des Dorfes „auf unsere Weise“ zu lösen, ohne Polizei, dafür mit Drohungen, auch mit Schlägen, mit Lügen und Betrug.

Mich hat die Geschichte nicht losgelassen, im Gegenteil: Ich fühlte mich regelrecht hineingesogen in dieses kleine Dorf. In das Schicksal der Menschen, die dort wohnen, die doch alle nur das Beste wollen – und so grandios daran scheitern. Ja, ich konnte die Augen nicht mehr abwenden von dem drohenden Unheil. Ich habe mitgefiebert mit den Personen, selbst mit denen, die mir unsympathisch waren, denn ich konnte ihre Beweggründe nachvollziehen.

Ein ziemlich düsterer, aber packender Roman. Keine leichte Unterhaltung. Aber absolut empfehlenswert. Fünf Kuschelpunkte.

 

 

 

 

Kuschelpunkte: 

5

Buchinformationen: 

Juli Zeh: Unterleuten. Roman. Taschenbuch: 656 Seiten, btb Verlag ISBN 978-3-4427-1573-2, 12,- €.

Gebundene Ausgabe: 640 Seiten, Luchterhand Literaturverlag, ISBN-13: 978-3-6308-7487-6, 24,99 €

E-Book 9,99 €

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